Montag, 28. Februar 2011

….denn Vorfreude ist bekanntermaßen die schönste Freude!

Fast vier Jahre ist es nun her, dass ich das letzte Mal diese Seite aufgerufen und einen Eintrag verfasst habe. Der Grund für die Wiederbelebung dieses Blogs ist folgender:

Ende Dezember habe ich an meiner Universität einen Aushang für eine Stelle als Language Assistant in der Nähe von Melbourne entdeckt. „Wow, was für eine tolle Erfahrung das sein müsste, würde man dort unterrichten können“. Dies war mein erster Gedanke beim Lesen der Stellenausschreibung. Da ein kleiner Beisatz dazu aufrief für weitere Informationen den Koordinator an der Uni zu kontaktieren, und ich eigentlich nur nähere Infos haben wollte, schrieb ich die besagte Person an. Innerhalb kürzester Zeit befand ich mich auch schon inmitten eines Bewerbungsverfahrens für eine neunmonatige Stelle in Australien. Dabei wollte ich doch nichts anderes als ein paar nähere Informationen zu der Schule und den Aufgaben, die man erledigen müsste, haben. In der engeren Auswahl für die Stelle waren fünf Personen mit denen man nach und nach Telefoninterviews vereinbart hatte. Mitte Januar sollte mein Bewerbungsgespräch am Telefon stattfinden.

D-Day: Mitte Januar, Dienstag, 10 Uhr deutscher Zeit. Seit 8 Uhr saß ich nun schon mit dem Telefon in der Hand an meinem Tisch und ging meine Notizen durch. Die Zeit bis zum Anruf aus Australien rückte stetig näher und, obwohl ich meine Notizen hundertmal durchgegangen war und sie langsam auswendig konnte, war ich nicht in der Lage von ihnen abzulassen, sie immer und immer wieder durchzugehen. Ob dies die deutsche Gründlichkeit oder doch nur meine Aufregung war, sehen wir später. Mittlerweile war es zwei bis drei Minuten vor 10 Uhr – der Zeitpunkt, der darüber entscheiden sollte, ob ich in Zukunft an einem Top-Internat in Australien unterrichten durfte, rückte immer näher. Ich saß steif auf meinem Stuhl, die Handflächen auf dem Tisch und starrte das Telefon an. Zehn Uhr… und das Telefon regte sich nicht. Kein Klingeln, kein Aufblinken der Tasten. Nichts. „Sie rufen zu spät an“, war mein Gedanke. Seit zwei Stunden wartete ich nun auf das Telefonat, das dazu in der Lage war, mein Leben entscheidend zu ändern. Jede Minute kam mir wie eine Ewigkeit vor. Um drei Minuten nach 10 Uhr erschien schließlich die australische Vorwahl, + 61, auf dem Telefondisplay und ich wusste, wer an der anderen Leitung sein würde. Mein Herz klopfte bis zum Hals, meine Hände zitterten, und dennoch: meine Stimme schien gefestigt zu sein – worüber ich mich selbst wunderte. Die Stimme am anderen Ende war so hell und freundlich, dass sie mir meine anfängliche Schüchternheit und Angst schnell nahm. Nach einem kurzen Smalltalk erklärte man mir den Schulalltag, die Aufgaben, die auf mich warten würden (sofern man sich für mich entscheiden sollte) und stellte mir noch ein paar Fragen. Am Ende des Telefonats sagte man mir, man müsse noch weitere Interviews mit den anderen Bewerbern führen, würde sich aber am Abend noch einmal melden, um die Entscheidung zu verkünden. Somit blieb mir nichts anderes übrig als die spannungsgeladenen Stunden bis zur Entscheidung so gut wie möglich mit anderen Dingen zu verbringen, um mich selbst nicht verrückt zu machen. Und so ging ich meinen gewohnten Tagesablauf durch. Mittlerweile war es früher Abend. Ich erwartete eine elektronische Antwort. Ununterbrochen starrte ich auf das Display meines Computers. Nichts. Ich kontrollierte meine Emails im Zehn-Minuten-Takt; jedes Mal als ich nachsah, war keine neue Email in meinem Account zu entdecken. Gegen 22.30 Uhr, als ich von den Strapazen des Tages eingedöst war, kam meine Mutter aufgeregt ins Zimmer und hielt das Telefon in der Hand. Sie flüsterte ganz aufgeregt: „Andrea, Australien ist dran“. Ich nahm das Telefon, meldete mich mit meinem Namen und hörte nur die Frage, ob ich die Stelle denn haben wolle? „Yes, a big YES!“, entgegnete ich der Stimme am Telefon. Da ich über das Ergebnis der „Jury“ so erstaunt war und nicht damit gerechnet hatte die „Auserwählte“ zu sein, wusste ich nicht, was ich der Dame am Telefon entgegnen sollte und entschuldigte mich für meine Wortkargheit.

Ein paar Tage später bekam ich alle relevanten Papiere der Schule zugemailt, musste den Bewerbungsbogen für das Visum ausfüllen und hatte diverse Dokumente, die beglaubigt und übersetzt werden mussten, in Auftrag gegeben. Am 4. Februar war es soweit: Ich hatte alle relevanten Dokumente eingescannt und per Email an die Immigrationsbehörde in Australien geschickt. Um mich zu vergewissern, dass man meine Papiere erhalten hatte, schrieb ich die Behörden nach ca. acht Tagen an. Mit einer negativen Antwort hatte ich nicht gerechnet, bekam sie aber trotzdem. „Oh nein. Was mache ich denn jetzt“, war meine erste Reaktion. Mein Puls und meine Verzweiflung stiegen. „Gut, dann werde ich nun alles per Fax abschicken“. Gesagt, getan. Leider hatte man auch mein Fax nicht erhalten. So blieb mir am Ende nichts anderes übrig als alle Dokumente dreimal per Fax und Email abzuschicken. Vorsichtshalber hatte ich die Originalpapiere auch per DHL Express International abgeschickt, was mich 86 Euro gekostet hatte.

Nach dem großen Hin-und Her bezüglich der Papiere, hatte ich noch einmal mit den Behörden in Australien gesprochen, die mir dann den Erhalt aller Dokumente per Fax bestätigten. Mittlerweile könnte es jeden Moment losgehen. Die Erteilung eines Visums kann zwischen einem und 28 Tage dauern. Das Schrecklichste ist die Überbrückung der Zeit. Man weiß nicht, wann es losgeht, man hat kein fixes Datum, auf das man sein Hauptaugenmerk richten kann. Inzwischen weiß ich gar nicht mehr wohin mit meiner Aufregung. Aber auch dies wird mit Geduld überstanden, denn Vorfreude ist bekanntermaßen die schönste Freude.

Sonntag, 12. August 2007

Die Kraft der Musik

Musik hat mich mein ganzes Leben lang in allen möglichen Situationen begleitet. Aus diesem Grund möchte ich ihr auch den ersten "richtigen" Post widmen, indem ich mit einem doch ernsten und nachdenklichen Thema beginnen möchte.

Neulich habe ich eine 84-jährige Bekannte zu Hause besucht, die seit ungefähr fünf bis sieben Jahren unter Morbus Alzeimer leidet. Morbus kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "Krankheit"; Alzheimer ist der Name des Entdeckers, Alois Alzheimer, dieser Krankheit.

Meine Bekannte war früher Künstlerin. Es war aber immer die Musik, die die größte Rolle in ihrem Leben gespielt hat und meine Bekannte damit völlig ausgefüllt hat. Glücklicherweise bin ich vor einiger Zeit in den Genuss gekommen mir eine ihrer Aufnahmen anhören zu dürfen und können. Ihre Stimme erinnerte mich sofort an eine der glamourösesten Frauen der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts - Marlene Dietrich.
Meine Bekannte kann sich, bedingt durch ihre Krankheit, an nichts mehr aus ihrem früheren Leben erinnern. Dieses schließt auch die Erinnerung an ihre eigenen Kinder und nächsten Verwandten ein. Als ich also mit ihr am Tisch saß, habe ich mir gedacht, dass es nett sei, ein paar Lieder anzustimmen. Meine Hoffung war es, dass sie die Melodie erkennen würde und auch anfängt mitzusummen oder sogar mitzusingen. Was also könnte ich einer 84-Jährigen als 23-jähriger Mensch vorsingen? Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, die man mit den 1930er und 40er Jahren überhaupt nicht mehr vergleichen kann. Mein Zeitalter ist das der computergestützten Medien. Heutzutage spielen kleine Kinder nicht mehr mit ihrem Ball auf der Straße, machen keine Unternehmungen mehr in die Natur, geschweige denn, dass sie sich von ihrem neuesten Computerspiel losreißen können. Manche Kinder und Heranwachsende können nicht einmal mehr einen Nussbaum erkennen, wenn sie vor einem stehen.
Was nun könnte ich ihr vorsingen? Ich beschloss ein Lied aus der Jugend meiner Eltern anzustimmen. Ich musste Heintjes Mama aus den 1960er Jahren nur einmal anstimmen und plötzlich war die Melodie ihrerseits wieder allgegenwärtig. Beim zweiten Durchgang konnte sie sich schon an vereinzelte Wörter des Textes erinnern und fing an mich zu begleiten. Da saßen wir beide nun, getrennt von genau 61 Jahren Altersunterschied und sangen im "Duett". Nach ein paar Durchgängen rieb sie sich die Augen und sagte mir: "Ja, das ist ein schönes Lied, aber dabei muss man ja immer weinen."
"Oh", dachte ich. "Kann es denn wirklich sein, dass das Lied etwas in ihr erweckt hat? Ist es möglich, dass sie sich doch erinnert? Vielleicht fühlt sie den Schmerz, den sie immer empfand, als sie das Lied früher gesungen hat?"
Dieser Nachmittag mit ihr hat mich so sehr beeindruckt, berührt und nachdenklich gestimmt, dass ich nun darüber hier schreibe.

Es ist erstaunlich, dass ein Mensch alles aus seiner Umgebung sofort wieder vergisst, sich kaum an sein früheres Leben erinnern kann, seinen Alltag ohne fremde Hilfe nicht mehr bewältigen kann, aber trotzdem durch die richtige Stimulation Dinge reproduzieren kann, die ihm offenbar so sehr am Herzen gelegen haben, dass diese Dinge, trotz einer cerebralen Krankheit, "abgerufen" werden können. "Abgerufen", weil ich mich frage, ob sie wirklich wusste, was sie gerade tat oder den Liedtext, der ihr wieder einfiel, doch instinktiv war?!
Kann es sein, dass ein alzheimererkrankter Mensch unbewusst doch noch etwas von seinem alltäglichen Leben bewusst wahrnimmt? Oder war es in diesem Fall die Kraft der Musik, die Passion zu eben dieser, die sie aus ihrem verschleierten Leben teilweise für wenige Millisekunden "erweckt" hat? Dass Musik in der Lage ist, Menschen aus dem Koma zu wecken, ist schon lange bekannt. Dass Menschen wiederum auch in der Lage sind, sich durch bestimmte Gerüche an vergangene Zeiten zu erinnern, ist auch bekannt. Aber wie verhält sich dieses mit Menschen, deren Krankheit, ihr Gehirn langsam unwiederruflich beschädigt? Wie ist es mit Menschen, die keine Aussicht auf Heilungschancen haben, weil die Wissenschaft auf diesem Gebiet noch in Kinderschuhen steckt?
Für mich als musikbegeisterter Mensch wirft sich die Frage auf, ob Musik tatsächlich die Kraft und Fähigkeit besitzt, vielleicht unterbewusst so weit in einen Menschen hervorzudringen, ihn soweit zu bewegen, dass er sich doch an Vergangenes erinnert?

Eines aber werde ich niemals vergessen, und das sind die zu Leben erweckten, strahlenden Augen meiner Bekannten, als ich anfing Mama anzustimmen.

Sinn und Zweck

"Ein Blog? Was ist das denn nun schon wieder?". Das war das Erste, was mir in den Kopf schoss, als ich im Internet auf dieses, für mich neue, Medium stoß. Das Internet kann ein hilfreiches Medium sein; es kann aber auch in das Gegenteil umschlagen. Deswegen war ich zuerst von der Idee, seine eigenen Gednaken im Internet zu veröffentlichen, alles andere als begeistert.
Ich möchte aber trotzdem in diesem Blog Dinge niederschreiben, die mich interessieren, die mich bewegen und die mich zum Nachdenken anregen.