Sonntag, 12. August 2007

Die Kraft der Musik

Musik hat mich mein ganzes Leben lang in allen möglichen Situationen begleitet. Aus diesem Grund möchte ich ihr auch den ersten "richtigen" Post widmen, indem ich mit einem doch ernsten und nachdenklichen Thema beginnen möchte.

Neulich habe ich eine 84-jährige Bekannte zu Hause besucht, die seit ungefähr fünf bis sieben Jahren unter Morbus Alzeimer leidet. Morbus kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "Krankheit"; Alzheimer ist der Name des Entdeckers, Alois Alzheimer, dieser Krankheit.

Meine Bekannte war früher Künstlerin. Es war aber immer die Musik, die die größte Rolle in ihrem Leben gespielt hat und meine Bekannte damit völlig ausgefüllt hat. Glücklicherweise bin ich vor einiger Zeit in den Genuss gekommen mir eine ihrer Aufnahmen anhören zu dürfen und können. Ihre Stimme erinnerte mich sofort an eine der glamourösesten Frauen der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts - Marlene Dietrich.
Meine Bekannte kann sich, bedingt durch ihre Krankheit, an nichts mehr aus ihrem früheren Leben erinnern. Dieses schließt auch die Erinnerung an ihre eigenen Kinder und nächsten Verwandten ein. Als ich also mit ihr am Tisch saß, habe ich mir gedacht, dass es nett sei, ein paar Lieder anzustimmen. Meine Hoffung war es, dass sie die Melodie erkennen würde und auch anfängt mitzusummen oder sogar mitzusingen. Was also könnte ich einer 84-Jährigen als 23-jähriger Mensch vorsingen? Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, die man mit den 1930er und 40er Jahren überhaupt nicht mehr vergleichen kann. Mein Zeitalter ist das der computergestützten Medien. Heutzutage spielen kleine Kinder nicht mehr mit ihrem Ball auf der Straße, machen keine Unternehmungen mehr in die Natur, geschweige denn, dass sie sich von ihrem neuesten Computerspiel losreißen können. Manche Kinder und Heranwachsende können nicht einmal mehr einen Nussbaum erkennen, wenn sie vor einem stehen.
Was nun könnte ich ihr vorsingen? Ich beschloss ein Lied aus der Jugend meiner Eltern anzustimmen. Ich musste Heintjes Mama aus den 1960er Jahren nur einmal anstimmen und plötzlich war die Melodie ihrerseits wieder allgegenwärtig. Beim zweiten Durchgang konnte sie sich schon an vereinzelte Wörter des Textes erinnern und fing an mich zu begleiten. Da saßen wir beide nun, getrennt von genau 61 Jahren Altersunterschied und sangen im "Duett". Nach ein paar Durchgängen rieb sie sich die Augen und sagte mir: "Ja, das ist ein schönes Lied, aber dabei muss man ja immer weinen."
"Oh", dachte ich. "Kann es denn wirklich sein, dass das Lied etwas in ihr erweckt hat? Ist es möglich, dass sie sich doch erinnert? Vielleicht fühlt sie den Schmerz, den sie immer empfand, als sie das Lied früher gesungen hat?"
Dieser Nachmittag mit ihr hat mich so sehr beeindruckt, berührt und nachdenklich gestimmt, dass ich nun darüber hier schreibe.

Es ist erstaunlich, dass ein Mensch alles aus seiner Umgebung sofort wieder vergisst, sich kaum an sein früheres Leben erinnern kann, seinen Alltag ohne fremde Hilfe nicht mehr bewältigen kann, aber trotzdem durch die richtige Stimulation Dinge reproduzieren kann, die ihm offenbar so sehr am Herzen gelegen haben, dass diese Dinge, trotz einer cerebralen Krankheit, "abgerufen" werden können. "Abgerufen", weil ich mich frage, ob sie wirklich wusste, was sie gerade tat oder den Liedtext, der ihr wieder einfiel, doch instinktiv war?!
Kann es sein, dass ein alzheimererkrankter Mensch unbewusst doch noch etwas von seinem alltäglichen Leben bewusst wahrnimmt? Oder war es in diesem Fall die Kraft der Musik, die Passion zu eben dieser, die sie aus ihrem verschleierten Leben teilweise für wenige Millisekunden "erweckt" hat? Dass Musik in der Lage ist, Menschen aus dem Koma zu wecken, ist schon lange bekannt. Dass Menschen wiederum auch in der Lage sind, sich durch bestimmte Gerüche an vergangene Zeiten zu erinnern, ist auch bekannt. Aber wie verhält sich dieses mit Menschen, deren Krankheit, ihr Gehirn langsam unwiederruflich beschädigt? Wie ist es mit Menschen, die keine Aussicht auf Heilungschancen haben, weil die Wissenschaft auf diesem Gebiet noch in Kinderschuhen steckt?
Für mich als musikbegeisterter Mensch wirft sich die Frage auf, ob Musik tatsächlich die Kraft und Fähigkeit besitzt, vielleicht unterbewusst so weit in einen Menschen hervorzudringen, ihn soweit zu bewegen, dass er sich doch an Vergangenes erinnert?

Eines aber werde ich niemals vergessen, und das sind die zu Leben erweckten, strahlenden Augen meiner Bekannten, als ich anfing Mama anzustimmen.

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Schöner Eintrag... ich mag eigentlich sehr gerne Lieder aus den 20-40ern. Wenn ich die bei mir anspiele, kommt immer so eine beruhigende Kaffeesalonatmosphäre auf. Mama kenne ich allerdings nicht. Naja, ist ja auch aus den 60ern.

Ich hoffe, du bist nicht mehr sauer. Lieber Gruß von
mo

alice hat gesagt…

definetely yes !!

Anonym hat gesagt…

Hallo.
Ich mochte mit Ihrer Website andreaschlosser.blogspot.com Links tauschen